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Auto & Mobil
03.05.2021

Lautloses Rollen im Strom der Zeit

Der Mercedes-Benz EQA macht vor Schloss Weinstein eine mehr als gute Figur
Der Mercedes-Benz EQA macht vor Schloss Weinstein eine mehr als gute Figur Bild: Ulrike Huber
Autotest: Die Marke mit dem Stern baut im Höchsttempo ihr Portfolio an reinen Stromern aus. Mit dem EQA wurde jetzt ein weiteres Gerät auf die Strasse gestellt und von H.M. Fürstenberg getestet.

Jetzt bin ich verblüfft und hin und weg. Mir als altem Benzin-Afficionado und Petrolhead, dessen Vorstellung von einer perfekten Welt bisher in einem schnurrenden V8-Motor alter Schule mit dem Geruch von englischem Leder und einer Prise verbranntem Reifengummi bestand, ausgerechnet mir schieben die Leute von der SternGarage.ch AG in Heerbrugg ein Elektromobil unter den Allerwertesten. Der ich doch die Geräte von Tesla und den damit einhergehenden Elektroboom für eine kurzfristige und dazu noch ökologieschädigende Geschmacksverirrung gehalten habe.

Von vorne zeigt der EQA das neue markentypische Mercedes-Benz-Gesicht der Stromer-Serie EQ Bild: Ulrike Huber

Keine wirklichen Klimavorteile?

Denn inzwischen weiss man ja: eine in China, dessen Stromversorgung einen überproportionalen Anteil an Energie aus Braunkohlekraftwerken aufweist, produzierte Batterie geht mit einem derart grossen CO2-Fussabdruck an den Start, dass ein moderner sparsamer Benziner erst bei einer Kilometerleistung von über 200´000 atmosphärenschädlicher wird. Von daher bieten die E-Fahrzeuge für die Menschheit bis zur Entwicklung weniger umweltschädlicher Energiespeicher keine wirklichen Klimavorteile.

Eine Skulptur wie vom Fahrtwind geglättet Bild: Ulrike Huber

Also hat man mir schon lustigere Aufgaben gestellt, als eines der besten E-Autos zu testen. Denn der grossartige Mercedes-Benz EQA bringt meine Autovorstellung ins Wanken. Jetzt soll ich in einem Testbericht plötzlich bekennen, ob ich weiterhin vor dem Altar der Tradition oder dem Altar des Fortschritts bete. Abgesehen davon, dass ich es mit dem Beten und dem Knien doch lieber bei meinen Kirchenbesuchen belasse, scheint mir dieses Ansinnen reichlich indiskret. Als Mitarbeiter von rheintal24 gehorche ich aber den Befehlen und perversen Ideen des Zentralkomitees. Sonst verliere ich womöglich noch meinen Testjob und muss jeden Tag das gleiche Auto fahren.

Ein Apostel beider Glaubensrichtungen

Mit dem EQA-Benz bin ich ein Apostel beider Glaubensrichtungen geworden. Der Tradition und des Fortschritts. Stelle das versöhnliche Sowohl-als-auch über das primitive Entweder-Oder. So wie bei den anderen grossen Fragen der Menschheit: Christ oder Buddhist? FCSG oder YB? Vegan oder Steak? Whisky oder Cognac? Rothaarige oder Blonde? Also sowohl Verbrenner als auch E-Autos.

Statt zur Tankstelle geht es an die Elektrozapfsäule Bild: Ulrike Huber

Sitzt man in den EQA, sitzt man in einen Mercedes-Benz. Punkt. Es ist eine Meisterleistung, wie die Ingenieure und Designer aus Stuttgart es trotz des extremen Wandels der Technik und der Interieurmöglichkeiten (man denke nur an die elektronischen statt analogen Instrumente) schon seit vielen Jahrzehnten immer wieder schaffen, dass man sich als Mercedesfahrer oder –fan sofort heimisch fühlt. Das Gefühl des Geborgenseins, der Wertigkeit und des konservativ Besseren stellt sich sofort ein. Bestes und langstreckentaugliches Gestühl und die Verstellbarkeit und Indiviualisierungsmöglichkeit der Instrumente machen das Autofahren so angenehm, wie es nur die Marke mit dem Stern beherrscht.

Alles ist am gewohnten Platz

Was mich dann aber am meisten beeindruckte: Auch als E-Auto-Neuling kennt man sich im EQA-Cockpit sofort aus. Alles ist am gewohnten Platz. Kein Suchen, kein Gefummel. Und wichtig für digitale Deppen wie mich: Klima und Radio lassen sich auch mit richtigen Drehern und Tasten bedienen. Dennoch habe ich mich ein wenig ins digitale Menü hineingewagt. Und siehe da: alles intuitiv. Wer ein Smartphone bedienen kann, tut sich leicht auf der Suche nach GPS und den Einstellungen diverser digitaler Assistenten. Und wenn nichts mehr geht: mit einem deutlichen «Hey, Mercedes» kann man den Dialog mit der freundlichen Sprachsteuerung aufnehmen.

  • Ansichten eines in jeder Hinsicht schönen Autos... Bild: Ulrike Huber
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Das Fahren selbst macht keinen grossen Unterschied zum Herkömmlichen. Wenn man ohnehin ein Automatikfahrzeug gewohnt ist, braucht es genau null Umgewöhnungsphase. Unser Mercedes-Benz EQA 250 ist das erste Modell des EQA. Ein 300 und 350 werden folgen. Mit stärkeren Motoren. Obwohl die 190 elektrischen Pferdestärken in jeder Fahrsituation ausreichen. Schliesslich bewegt man ein SUV und keinen Sportroadster. Auch die Beschleunigung von 0 auf 100 in angenehmen 8.9 Sekunden ist für alle normalen Fahrsituationen mehr als ausreichend. Aber hallo, noch vor dreissig Jahren galt alles, was unter zehn Sekunden war, als Sportwagen.

Die beste aller Ehefrauen

Wie meine mir zugetanen schönen Leserinnen und klugen Leser wissen, ist mir die Meinung meines Rotschopfs zu den gestesteten Autos wichtig. Wie allen Männern die Meinung der Frauen, die in vielen Dingen den Herren als Krone der Schöpfung in Wahrheit überlegen sind, wichtig sein sollte. Also durfte sie nach einiger Zeit das Steuer des EQA übernehmen. Die beste aller Ehefrauen hat ja meist den schwereren Gasfuss und die flüssigere Fahrweise als ich. Und sie  war vom Elektro-EQA schwer begeistert. Vom Design, das auch von einem Pariser Modeschöpfer stammen könnte. Vom geschmackvollen Innenraum. Ja, auch vom Fahrgefühl und von der Wendigkeit des Autos.

Ob seiner Proportionen und Masse ist der EQA ein perfektes Auto für den Alltag in Stadt und Land Bild: Ulrike Huber

Ein leises Surren als Motorengeräusch

Die vom Werk eingebaute Audioanlage glänzt mit sattem Sound. So kommt bei Wagners „Walkürenritt“ direkt Konzertsaalatmosphäre auf. Kein Wunder, denn das Auto selbst produziert nur ein leises Surren als Motorengeräusch. Und sonstige störende Lärmquellen, wie das Abrollgeräusch der für das E-Gerät optimierten Reifen, oder das lärmende Motorrad, das uns gerade entgegenkommt, sind wunderbar weggedämmt. Ich bin ja schon lange der Ansicht, dass das Auto inzwischen der einzige Platz ist, an dem man ungestört verweilen und seinen Gedanken nachhängen kann, wenn draussen leise die Landschaft vorbeizieht.

Auch angenehm im EQA: die vielen elektronischen Sichheitsassistenten, der Abstandswarner, Fussgänger- und Querverkehrerkenner und Spurhalteassistenten piepsen angenehm leise und unaufdringlich. Und was heutzutage noch eher selten ist: der Geschwindigkeitsassistent, der die jeweils geltende Höchstgeschwindigkeit in das Head-Up-Display einspielt, scheint die entsprechenden Gebotsschilder am Strassenrand genau zu erfassen. Also keine Dreissigeranzeige im Hunderterbereich.

Im Cockpit ist alles dort, wo es auch sein soll Bild: Ulrike Huber

Heisst das jetzt «Stromfuss»?

Die Reichweite nach WLTP, die allerdings nach einem sehr sanften und schlanken Gasfuss (oder heisst das jetzt Stromfuss?) verlangt, beträgt 426 Kilometer. In Wahrheit für das tägliche Leben und auch für die Langstrecke durchaus ausreichend. Denn in der Realität bedeutet dies einen Boxenstopp alle 300 bis 350 Kilometer. Wenn dich dann das GPS an eine Gleichstrom-Zapfsäule geführt hat, ist der «Tank» nach dreissig Minuten schon wieder zu 80 Prozent voll. Dreissig Minuten, um gemütlich einen Cappuccino zu schlürfen, im Reiseführer über den Zielort der Reise nachzulesen und einen der von gar nicht so wenigen todesmutigen Geniessern noch heissgeliebten Glimmstengel glühen zu lassen.

Mit einem Kofferraumvolumen von 340 Litern, das durch Umklappen der Rücksitzbank freilich erheblich vergrössert werden kann, dem engen Wendekreis von nur 11.4 Meter und den fünf Türen ist der Mercedes-Benz EQA 250 ein allen Ansprüchen des Alltags gerecht werdendes Auto. Und dazu noch eine Schönheit. Den Designern ist eine zeitlose, vom Fahrtwind geglättete und mit LED-Lichtbändern nochmals verschönerte Skulptur gelungen, die das Zeug hat, ein weiterer Klassiker in der langen Reihe von Klassikern der Marke mit dem Stern zu werden.

Bild: Ulrike Huber

 

Mercedes-Bend EQA 250 – Daten und Fakten:

 Preis: ab CHF 48´900

Reichweite nach WLTP: 426 km

Verbrauch nach WLTP: 17.7 kWh/100 km

Batterie-Kapazität: 66.5 kWh

Leistung (el.): 140 kW (190 PS)

Beschleunigung 0-100 km: 8.9 sec

Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h

Höhe/Länge/Breite: 1620, 4463, 1834 mm

Antrieb: Vorderrad

Getriebe: Automatik

Batterie-Typ: Lithium-Ionen

Kürzeste Ladedauer Wechselstrom: 05:75 h (max. 11 kW)

Kürzeste Ladedauer Gleichstrom: 00:30 h (max. 100 kW)

 

H.M. Fürstenberg/uh/Toggenburg24