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Gesundheit
02.10.2021

«Ist Schweden die bessere Schweiz?»

Kommentar von stgallen24-Redaktorin Miryam Koc Bild: stgallen24
Die Schweiz wird gerne mal mit Schweden verwechselt, was für mediale Belustigung sorgt. Dabei macht Schweden wohl einiges besser als die Schweiz – auch in Sachen Corona. Ein Kommentar von rheintal24-Redaktorin Miryam Koc.

«Seid ihr Schweizer verrückt? Bei uns sind schon fast alle geimpft und von der Pandemie ist kaum noch was zu spüren», lacht meine Cousine am anderen Ende der Leitung, als ich ihr erzähle, dass hier praktisch überall 3G-Pflicht herrscht. Sie sitzt gerade in einem Café in Stockholm, im Hintergrund ist Gewusel und irgendein Björn brüllt etwas, das sich für mich wie eine Kommode von Ikea anhört. Wir unterhalten uns noch ein bisschen über Corona und sie beendet das Telefonat mit «komm bald mal vorbei, Schweden ist sowieso die bessere Schweiz». Ich muss schmunzeln, denn ich glaube, dass sie recht haben könnte. 

Schweden hat nach Dänemark angekündigt, alle Corona-Massnahmen aufzuheben und die Pandemie für beendet erklärt. Seit Mittwoch gelten in dem skandinavischen EU-Land keine Teilnehmerobergrenzen mehr für allgemeine Zusammenkünfte und Veranstaltungen wie Fussballspiele und Konzerte. Auch grössere private Feiern wie Hochzeiten und Geburtstage sind damit wieder ohne Beschränkung der Gästezahl möglich.

Die Empfehlung zum Arbeiten aus dem Homeoffice fällt ebenfalls weg. Wer Krankheitssymptome zeigt, sollte aber weiterhin zu Hause bleiben und sich auf das Coronavirus testen lassen. Schweden benutzt zwar das Covid-Zertifikat der EU, hat aber keine Regeln für dessen Gebrauch im Inland. 

Schon in der Vergangenheit sorgte das Land mit seiner vergleichsweisen lockeren Coronapolitik für Schlagzeilen, in dem es an seinem Sonderweg trotz Kritik festhielt: Keine Verbote, keine Bussen, keine Lockdowns. 

 

Ist der Plan aufgegangen? Ein Blick auf die Zahlen sagt Ja: Die Schweiz verzeichnet bei einer Einwohnerzahl von 8,5 Millionen bis dato 839'000 Corona-Infektionen und 11'079 Todesfälle. Schweden zählt mit ihren 10'230'000 Köpfen 1,15 Millionen Infektionen und 14'856 Tote. Das sind ein Prozent mehr Infektionen und 0,01 Prozent mehr Todesfälle. Anders ausgedrückt: Praktisch kaum Differenz.  (Quelle: Our World in Data/BAG – Stand 30. September 2021)

In Sachen Impfung hat Schweden allerdings die Nase deutlich vorn: Bislang haben mehr als 83 Prozent der Menschen im Alter von über 16 Jahren mindestens eine Corona-Impfdosis erhalten, über 76 Prozent auch schon ihre zweite. Hierzulande wurden erst 58,5 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. 64,1 Prozent haben mindestens eine Dosis erhalten. 

 

Während man sich in der Schweiz also noch die Haare rauft, Freundschaften wegen Impfdiskussionen beendet und der Bundesrat um die nächste Abstimmung bangt, lehnt sich der Schwede zurück und trinkt genüsslich sein «Brännvin». 

Hat es Schweden also wirklich besser gemacht? Das scheint derzeit noch Kaffeesatz-Lesen zu sein. Manche Analytiker sprechen wegen der hohen Sterberate vom «gescheiterten Sonderweg», andere loben das Land für seinen Mut. Zwar hatte die Schweiz im Vergleich zu Deutschland oder Österreich deutlich lockerere Massnahmen, kann die Impfquote aber nur langsam erhöhen.

Da scheint es Schweden wohl besser gemacht zu haben, in dem es seine Bevölkerung ohne viel Tamtam zum Impfen animiert hat. Vielleicht können wir uns ja davon eine Scheibe abschneiden – oder eben ein Stück Knäckebrot abbrechen.

Miryam Koc/rheintal24/Toggenburg24