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Bildung
20.09.2021
20.09.2021 07:48 Uhr

Cannabisforschung an der HSG

Cannabis ist nicht mehr ein Randphänomen ist, sondern im gesellschaftlichen Alltag angekommen ist. (Symbolbild)
Cannabis ist nicht mehr ein Randphänomen ist, sondern im gesellschaftlichen Alltag angekommen ist. (Symbolbild) Bild: unsplash.com
An der HSG startet im Frühjahr 2022 ein neues Forschungsprojekt zum Thema Cannabis im Alltag. Das Forschungskollektiv hat auch ein Konzept für einen St.Galler Cannabis-Pilotversuch erarbeitet.

Im Frühjahr 2022 startet an der HSG ein Forschungsprojekt zur Thematik des gelingenden Cannabiskonsums. Während 21 Monaten untersucht das Forschungskollektiv «Unexplored Realities» eine Realität, die sonst im Verborgenen bleibt: Den gut in den Alltag integrierten Gebrauch von Cannabis. Die Forscher richten ihr Augenmerk auf die Konsumkompetenz und rücken damit von der immer noch weit verbreiteten Problematisierung des Cannabiskonsums ab. Das Forschungsteam hat zudem ein Konzept für einen St.Galler Cannabis-Pilotversuch erarbeitet.

Cannabis ist in der Schweiz die mit Abstand am häufigsten konsumierte illegale Substanz. Jede dritte Person, die älter als 15 Jahre ist, hat bereits Erfahrungen mit ihr gemacht (Marmet & Gmel 2017). Aufgrund des illegalen Status und der seit Jahrzehnten andauernden Stigmatisierung gilt der Cannabiskonsum jedoch als latent problematisch und deviant: Er findet deshalb häufig versteckt statt – in einer Art «Schattenrealität». Die Forscher haben sich zum Ziel gesetzt, diese ans Licht zu bringen. Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass der Konsum weitaus kompetenter gestaltet wird, als bislang angenommen wurde.

Cannabis zur Entspannung

Das Forschungsprojekt «Cannabis im Alltag» richtet den Blick auf eben diese Aspekte: Auf welche unterschiedlichen Arten und Weisen gelingt es Personen, Cannabis in den Alltag zu integrieren? Was motiviert den Konsum von Cannabis? Die Interviewstudien, die im Rahmen von forschungsorientierten Seminaren durchgeführt wurden, deuten darauf hin, dass der Konsum von Cannabis gut mit typischen und weit verbreiteten Lebensentwürfen vereinbart werden kann.

Gemäss den Forschern wird Cannabis unter anderem zur Entspannung, einem «Feierabendbier» ähnlich zum Abschalten, aber auch zur gezielten Leistungssteigerung und zur Unterstützung kreativer Arbeiten benützt. Aus den Gesprächen werde deutlich, dass der Konsum vielfach gezielt auf die eigenen Bedürfnisse und die Anforderungen aus der Berufswelt, der Familie und der Partnerschaft abgestimmt werde.

Cannabisforschung in der Schweiz

Die bisherige Forschung zum Cannabiskonsum in der Schweiz blendet viele dieser gelingenden Aspekte des Konsums aus. Dies ist nicht nur auf die bisherigen Gesetzeslage zurückzuführen, sondern hängt mit den disziplinären Perspektiven zusammen, aus denen der Konsum von Cannabis hauptsächlich beforscht worden ist: Bis in die Gegenwart befassen sich vor allem Kriminologen, Suchtforscher, Mediziner und Psychologen mit ihm.

Im Vordergrund stehen nach wie vor der Präventionsgedanke und die gesundheitlichen Risiken, obschon in der Schweiz nur 20,8 Prozent der regelmässig konsumierenden Personen einen problematischen Konsum aufweisen (Znoj, Genrich & Zeller 2020).

St.Galler Cannabis-Pilotversuch

Die aktuell in verschiedenen Schweizer Städten geplanten Pilotversuche zur nicht medizinischen Verwendung von Cannabis sind Ausdruck davon, dass der Konsum von Cannabis nicht mehr ein Randphänomen ist, sondern im gesellschaftlichen Alltag angekommen ist. Im Unterschied zu anderen Ländern soll eine anstehende Neuregelung auf robustem Grundlagenwissen darüber bestehen, wie der legale Cannabiskonsums aussieht.

Dazu eignet sich ein soziologischer Blick auf den Alltag besonders. Das Konzept des Forschungsteams sieht vor, einen St.Galler Pilotversuch durchzuführen, in welchem untersucht wird, welche Verkaufssettings am besten geeignet sind, die bestehenden Konsumenten zu einem Wechsel vom Schwarzmarkt in legale Strukturen zu bewegen.

Weiterführende Informationen zu Unexplored Realities (UXR)

Unexplored Realities wurde im Januar 2018 von den beiden Soziologen Florian Elliker und Niklaus Reichle gegründet. Die beiden Sozialwissenschaftler sind an der Universität St.Gallen sowie der Fachhochschule OST tätig und in verschiedenen internationalen Netzwerken aktiv. Von vergangenem Herbst bis Frühjahr 2021 begleiteten sie als Experten im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit die Ausarbeitung eines Forschungskonzepts für Pilotversuche zur kontrollierten Abgabe von Cannabis zu nicht-medizinischen Zwecken. UXR hat für einen solchen Pilotversuch in St.Gallen ein konkretes Studiendesign ausgearbeitet. Gespräche mit den relevanten Akteuren sind zurzeit im Gange.

Die Aktivitäten des Forscherkollektivs umfassen neben der Forschung auch die Organisation internationaler Kongresse sowie beratende Tätigkeiten. Das durch die HSG finanzierte Projekt «Cannabis im Alltag» sowie der Vorschlag für einen St.Galler Pilotversuch bilden die Grundpfeiler des Forschungsschwerpunkts «Drogen und Gesellschaft». UXR ist in drei weiteren Forschungsfeldern aktiv: qualitative Forschungsmethoden, Architektur und Stadt sowie Minderheiten. In den vergangenen Jahren untersuchte das Forschungsteam im Rahmen eines vom Schweizer Nationalfonds geförderten Grundlagenprojekts die Transformation und Integration von Studentenwohnheimen in Südafrika.

pez/pd/rheintal24/Toggenburg24