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20.09.2021
20.09.2021 07:46 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Altwiibersommer».

Altwiibersommer (männlich, Singular) steht für «Stabiles meteorologisches Hoch im Herbst»

Man kann ihnen ja vieles nachsagen, den «alten Weibern»; wobei der Mundartausdruck irgendwie «liebevoller», wenn auch gleichermassen despektierlich klingt. «Alti Wiiber» verfügen über einen immensen Erfahrungsschatz, eine XXL-Portion praktische Lebenstauglichkeit, krisenerprobtes Managementwissen, sind Organisationstalente, Seelenmülleimer, stille Rückenstärker und ja, manchmal auch Klatschtanten...

Doch zwischen Perimenopause und Senium gibt es auch verdammt viel zu erzählen! Echt!

Und schliesslich sind die heutigen Frauen der Generationen 50, 60 oder 70 plus nicht mehr in schwarze, lange Röcke mit Schürzen gehüllt, sondern tragen freche Frisuren, Jeans und Turnschuhe. Aber der Zeitpunkt, wo wir sie – die alten Weiber – alle uneingeschränkt heiss und innig lieben, ist definitiv zwischen September und Oktober! Mitten im meteorologischen Herbst. Genauer gesagt in der zweiten, dritten Oktoberwoche, denn das ist statistisch gesehen die Zeit für den «Altwiibersommer!»

So sicher wie die Eisheiligen, die Schafskälte und die Hundstage (auf diese war 2021 zwar leider kein Verlass), erfreut uns jeden Herbst der Altweibersommer mit einem stabilen Hoch, welches schöne, sommerlich anmutende Herbsttage mit warmen Temperaturen verspricht.

Diese Schönwetterlage entspricht einem wissenschaftlich akzeptierten Witterungsregelfall, einer Singularität (lateinisch singularis «einzigartig») in der Meteorologie. Doch was hat diese mit «alte Wiiber» zu tun?

Hier ist man sich in der Wortherkunft uneinig. Während die einen der Meinung sind, der Altweibersommer stehe für das zweite, kurze Auferstehen des Sommers, gleichbedeutend mit der «zweiten Jugend» der Frau, vertreten andere die These, dass der Altweibersommer vom alten Wort «weiben» (weben) hergeleitet wird, denn die von Spinnen gewobenen Fäden, die in dieser Jahreszeit flimmernd in der Sonne durch die Luft getragen werden, erinnerten an die grauen Haare alter Frauen. In den Ostschweizer Dialekten finden sich zudem die Begriffe «Noosömmerli» (Nachsommer) und «Witwesömmerli.»

Am pragmatischsten erscheint mir punkto Wortherkunft die Aussage des Geschwisterpaars Jacob und Wilhelm Grimm, welche in der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuches einst festgehalten haben, dass die Etymologie des Begriffes «Altweibersommer» gänzlich unklar sei.

Also dürfen sie getrost ins «Altwiibersömmerli» hineininterpretieren, was ihnen am besten gefällt. Hauptsache, sie geniessen es in vollen Zügen! Und sollte es diesen Herbst zu kurz, oder ganz ausfallen, dürfen wir ja immerhin noch auf den November hoffen. Denn dann beehrt uns um den Martinstag herum (11. November) erfahrungsgemäss auch noch das «Martinisömmerli!»

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin/Toggenburg24