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St. Gallen
17.09.2021

St.Galler Regierungspräsident zum Kurswechsel des Kantons

Marc Mächler, Regierungspräsident Kanton St.Gallen: «Die St.Galler Regierung plant vorausschauend nach aktuellem Stand der Zahlen.»
Marc Mächler, Regierungspräsident Kanton St.Gallen: «Die St.Galler Regierung plant vorausschauend nach aktuellem Stand der Zahlen.» Bild: WilWest
Während der Kanton St. Gallen lange Zeit mit einer zurückhaltenden Corona-Politik unterwegs war, schreitet er nun besonders aktiv voran. Regierungspräsident Marc Mächler erklärt im Interview die Hintergründe.

Linth24: Der Kanton St.Gallen führte als erster Schweizer Kanton die Maskenpflicht für Sekschüler wieder ein. Aus welchen Gründen?

Marc Mächler: Die Ausbreitung des Virus findet vor allem in Innenräumen statt, in denen keine Maske getragen wird. Das sind neben dem häuslichen Umfeld auch die Schulzimmer. Die Erkrankungen sind parallel zur ganzen Gesellschaft auch bei den Kindern und Jugendlichen gestiegen, auch wenn sie bei Kindern kaum schwere Verläufe zeigen. Das Tragen der Maske ist wirkungsvoll. Es dämmt die Ausbreitung des Virus ein. Klassen mit Maske müssen nicht mehr in Quarantäne gesetzt werden, da man prinzipiell davon ausgehen kann, dass Erkrankte sich ausserhalb der Schule angesteckt haben.

Maskenpflicht anstelle von Tests – ist das Ihre Strategie?

Das Maskentragen entlastet auch die Ausbruchs­testungen. Diese sind nur noch dann anzuordnen, wenn ausnahmsweise der Verdacht auf Ausbreitung innerhalb der Klasse besteht. Das Maskentragen ist zwar wenig angenehm und wenig beliebt. Es ist jedoch aus medizinischer Sicht grundsätzlich zumutbar und hat sich in den früheren Wellen bewährt. Mittlerweile sind andere Kantone dem Kanton St.Gallen gefolgt. Wir hoffen, die Pflicht bald wieder zurücknehmen zu können.

«Die St.Galler Regierung plant vorausschauend nach aktuellem Stand der Zahlen»
Marc Mächler, Regierungspräsident SG

Die Auslastung der Intensivstationen wie auch bei der gesamten Spital-Kapazität lag im Kanton St.Gallen unter dem Schweizer Durchschnitt. Warum also diese harte Gangart?

Die Konsultation des Bundes für die Zertifikatspflicht lief bereits bei den Kantonen, als sich der Kanton St.Gallen damit befasste. Die Mehrheit der Kantone befürwortete diese Massnahme. Die St.Galler Regierung plant vorausschauend nach aktuellem Stand der Zahlen.

Die St.Galler Regierung besteht aus sieben Mitgliedern. Befürworten alle die aktuelle Vorgehensweise?

Die Regierung ist eine Kollegialbehörde. Die einzelnen Meinungen werden nicht gegen aussen getragen. Einzelne Massnahmen werden durchaus auch kontrovers in der Regierung diskutiert. Die Stossrichtung der Massnahmen ist in der Regierung breit abgestützt.

Lange Zeit waren die Corona-Massnahmen von St.Gallen zurückhaltend im Vergleich zu anderen Kantonen. Im November 2020 hat sich Gesundheitsdirektor Bruno Damann wie folgt geäussert:
«Man soll die Todesfälle nicht überbewerten. Sterben gehört zum Leben. Unsere Gesellschaft hat verlernt zu sterben. (...) Die Geschichtsschreibung wird zeigen, ob Corona schlimmer als eine Grippe ist. (...) Ich bin überzeugt, dass die zwei wichtigsten Massnahmen - Hände waschen und Abstand halten - konsequent umgesetzt genügen würden.»
Das will so gar nicht mehr zur jetzigen Gangart des Kantons passen. Warum dieser Wandel?

Siehe vorhergehende Antwort: Die St.Galler Regierung plant vorausschauend nach aktuellem Stand der Zahlen.

«Die Pandemie hat mit den Spitalschliessungen absolut nichts zu tun»
Marc Mächler, Regierungspräsident SG

Auch bei den Spitalschliessungen hat der Kanton St.Gallen die Nase vorn. Das Spital Wattwil soll jetzt sogar früher als geplant – bereits im März 2022 – geschlossen werden. Während einer Pandemie. Macht das Sinn ?

Die Pandemie hat mit den Spitalschliessungen absolut nichts zu tun. Die Pandemie beschleunigt sogar die Umsetzung der Leistungs- und Strukturentwicklung mit der Konzentration auf ein stationäres Angebot an den vier Mehrspartenspitälern. Die wirklich limitierte Ressource ist das ausgebildete Fachpersonal vor allem auf den Intensiv-, aber auch auf den Notfallstationen. Die Personalknappheit hat sich gegenüber den vorangegangenen Wellen in diesen Bereichen nochmals verschärft. Das gilt schweizweit für alle Spitäler mit Intensivstationen. Wie viele Beatmungsplätze und IPS-Betten betrieben werden können, hängt allein vom verfügbaren Fachpersonal ab. Und das ist und bleibt knapp und ist das wahre Problem der aktuellen Krise.

«Die Regierung geht derzeit nicht davon aus, dass der Bund die Härtefall-Unterstützung verlängert»
Marc Mächler, Regierungspräsident SG

Die Zertifikatspflicht gilt nun auch in Restaurants, viele Wirte haben Umsatz-Einbussen. Wird der Kanton St.Gallen beim betroffenen Gewerbe finanzielle Unterstützung leisten?

Die kantonale Härtefall-Unterstützung richtet sich nach den Vorgaben des Bundes. Demnach endet der zeitliche Rahmen für die Unterstützung am 31. Dezember 2021. Das heisst, bis dann müssen die gesprochenen Beiträge ausbezahlt oder die Bürgschaften zugesichert sein. Gesuche können beim Kanton bis 31. Oktober 2021 eingereicht werden. Die Regierung geht derzeit nicht davon aus, dass der Bund die Härtefall-Unterstützung verlängert.

Wann ist aus Ihrer Sicht der Moment gekommen, in dem man die Massnahmen sistieren kann, wie das andere Länder wie England, Dänemark, Schweden und Holland bereits getan haben?

Wir hoffen, dass dies bald der Fall sein wird. Eine Prognose ist zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich. Zentral ist aus Sicht der Regierung, dass die Impfquote in der Schweiz und im Kanton St.Gallen nochmals wesentlich erhöht werden kann.

Linda Barberi, Linth24/Toggenburg24