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Lütisburg
26.08.2021

Vom «Pfannenfischer» zum Artenschützer: Der Fischereiverein Mitteltoggenburg FVMT im Wandel der Zeit

Bild: Fischereiverein Mitteltoggenburg FVMT
1946: Reiche Fabrikanten und Industrielle stehen am Bach, mit Stumpen im Mund und Angel in der Hand. Der Rucksack ist prall gefüllt mit Bachforellen. Tempi passati. Das Bild des Fischers, seine Rolle und die Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen 75 Jahren seit Bestehen des Fischereivereins Mitteltoggenburg FVMT massiv geändert.

Nach wie vor pachtet der Verein die linksseitigen Bäche, welche zwischen Wattwil und Kirchberg in die Thur fliessen. Dazugekommen ist der Altbach in Kirchberg, der für die derzeit 40 Fischer und der Fischerin ab der Kantonsgrenze zum Thurgau tabu ist. Zwei Bäche sind für die Aufzucht von kleinsten Fischen, sogenannten Brütlingen, reserviert. Insgesamt werden jährlich 30'000 Brütlinge in die Bäche mit einer Strecke von rund 120 km übersiedelt. Die Zahl scheint gross. Eine stattliche Bachforellendame legt aber über 1000 Eier in die Laichgrube legt, so dass sich die Anzahl relativiert. Früher war der sogenannte Besatz eine vom Kanton verfügte Pflicht. Sie ist schon länger gefallen und einem vom Kanton erarbeiteten Bewirtschaftungskonzept gewichen.

Keine Obergrenze, tieferes Mindestmass

In den Gründerjahren des Vereins gab es für die Fischer auch keine Obergrenze wie heute, bei der täglich maximal sechs Bachforellen an Land gezogen werden dürfen. Auch hatte damals ein Fisch lediglich eine Grösse von 22 cm aufzuweisen, ehe er im Rucksack und später in der Pfanne landete. Heute sind es 25 cm, an speziellen Bachabschnitten 32 cm. Und es wimmelte von Fischen: Den Höhepunkt wurde 1968 registriert, als in der Saison, die von Mitte März bis Ende September dauert, 2154 Fische, darunter auch Regenbogenforellen, am Silk zappelten.

Widerhaken sind verboten, Wissen ist gefragt

Mittlerweile ist der Widerhaken aus tierschützerischen Gründen verboten, seit 2009 der Sachkunde-Nachweis (Sana) aus gleichen Gründen Pflicht und der Mitgliederbeitrag hat sich verfünffacht. Die jährliche Fangzahl pendelt sich zwischen 350 bis 400 Stück ein. Nur 178 Fische registrierte der FVMT im Jahr 2018. Dies habe seine Gründe, sagt Präsident Daniel Gübeli. «Die Vereinsmitglieder brachen die Saison frühzeitig und freiwillig ab und verzichteten auf ihr Hobby. Denn: Die Bäche führten kaum mehr Wasser, waren teilweise trockengelegt, die Bachforellen kämpften um ihr Überleben.»

Extreme Wetterverhältnisse

Das Verständnis des Fischers zu seinem Hobby hat sich geändert vom klassischen «Pfannenfischer» hin zum Artenschützer. «Wir sehen uns immer mehr mit extremen Wetterverhältnissen konfrontiert», so Gübeli. Im Sommer häufen sich die Trockenperioden. Im Winter spülen massive Hochwasser die Fischeier weg, welche die Bachforelle von Oktober bis Januar in einer eigens im Kiesbett geschlagenen Laichgrube abgelegt hatte. Der Klimawandel lässt zudem die Wassertemperatur kontinuierlich ansteigen, so dass die empfindliche Bachforelle ab 18 Grad Celsius aufhört zu fressen, auf Überlebensmodus stellt und bei 25 Grad Celsius kaum überlebt.

Artgerechte Aufzucht

Diesen Umständen entgegenzuwirken, ist und bleibt schwierig. Der Verein setzt deshalb vermehrt auf eine artgerechte Aufzucht. Dies beginnt bei den Brütlingen. Sie werden nicht von überall her zusammengekauft wie früher, sondern die im kantonalen Fischereizentrum gezüchteten Fischlein schlüpfen aus Eiern von Bachforellen aus dem Einzugsgebiet. Auch werden nur soviele junge Fische wie nötig in die Gewässer gesetzt. Bei zwei Bächen wird seit Jahren auf den Besatz verzichtet, um die Eigenverlaichung zu beobachten und zu fördern. Neu ist auch in einem der zwei Aufzuchtbäche der Brütlingsbesatz gestrichen. Da sollen die zurückgelassenen Elterntiere für Nachwuchs sorgen. Derzeit untersucht der FVMT in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Amt für Fischerei, ob ein Besatz grundsätzlich sinnvoll sei. Ein mehrjähriges Monitoring bei einer speziell ausgeschiedenen Strecke soll Erkenntnisse bringen, ob die neu angesiedelten Fische im Bach überleben oder nicht und wie sich die Eigenverlaichung entwickelt.

«Wir sind privilegiert»

Übt der Fischer heute sein Hobby aus, liegt sein Fokus nicht mehr nur bei der Forelle. Er ist sich bewusst, dass wenn er aus den Ferien am Bodensee ins Toggenburg zurückkehrt, die Stiefel desinfizieren muss. Ansonsten könnte er fremde Arten und Krankheiten einschleppen. Sieht er eine Bachverunreinigung, meldet er dies unverzüglich bei der Polizei. Bemerkt er eine unbewilligte Baustelle am oder im Bach oder gar ein Bagger, wird die zuständige Gemeinde informiert. Das Bachbord als Müllhalde lässt den Fischer nicht kalt. Hingegen stört es ihn immer weniger, wenn er einmal auch ohne Fang nach Hause zurückkehrt. «Wir sind trotzdem sehr privilegiert. Dies hat sich auch während der Pandemie gezeigt. Wir bewegen uns draussen in der Natur, beobachten sie, entdecken Fauna und Flora, geniessen die Ruhe. Wenn dann noch ein Fisch an Land gezogen werden kann, ist dies umso schöner.»

Katharina Meier, Fischereiverein Mitteltoggenburg/Toggenburg24