Home Region In-/Ausland Sport Rubriken Agenda
Magazin
23.07.2021

Keine Publikation – aber happige Antwort

Nichts spricht gegen die Publikation des Leserbriefes.
Nichts spricht gegen die Publikation des Leserbriefes. Bild: Die Ostschweiz.
Offenbar liegen coronabedingt die Nerven langsam überall blank. Ein Zeitungsleser aus dem Toggenburg reichte bei den Publikationen von CH Media einen Leserbrief ein. Die Antwort war fernab von jeder Höflichkeit.

«Polizeigewalt und staatliche Willkür in der Schweiz»: So der Titel eines Leserbriefs, den Konrad Rüegg diversen Zeitungen zukommen liess; der Leserbrief ist der Vollständigkeit halber ganz unten angefügt. Rüegg nimmt darin die Regierungen und Behörden in der Schweiz ins Gebet. Er verweist auf die Polizeieinsätze an den Coronakundgebungen und spricht von Zuständen, «wie wir sie nur aus fernen diktatorischen Staaten kennen.» Ausserdem bemängelt er die Einschränkung der Versammlungsfreiheit.

Die Zuschrift fällt durch – warum?

Es ist ein deutliches Schreiben, allerdings keines, in denen konkrete Personen beleidigt oder sonst juristisch relevant angegangen werden. So gesehen spricht nichts gegen eine Publikation des Leserbriefs. Oder höchstens interne Richtlinien einer Redaktion. Wie diese aber aussehen müssten, damit diese Zuschrift als nicht publizierbar durchfällt, ist offen.

Den Geschmack nicht getroffen

Im Fall der CH Media, welche unter anderem Regionalzeitungen wie das St. Galler Tagblatt, die Aargauer Zeitung und die Luzerner Zeitung herausgibt, gilt aber offenbar: Leserbriefe müssen den Geschmack des betreffenden Redaktors treffen, der sie bearbeitet. Ansonsten muss ein Leser damit rechnen, statt einer Publikation dicke Post zu erhalten.

Im konkreten Fall landete der Leserbrief bei einem Redaktor der Aargauer Zeitung, vermutlich, weil die CH-Media-Regionalzeitungen Leserbriefe zu nationalen Themen zentral bearbeiten. Konrad Rüegg erhielt nicht einmal zwei Stunden nach dem Versand folgende Antwort:

«Grüezi Herr Rüegg, der grosse Ärger der Mehrheit richtet sich momentan eher darauf, dass die Polizei eben zu wenig gegen diese illegale Demo unternommen hat. Diese Leute konnten also ziemlich unbehelligt für Ihren Glauben an Nicht-Corona demonstrieren… Wären wir wirklich in einem diktatorischen Staat, befänden sich die jetzt wohl alle in einem gemütlichen Gefangenenlager, von der Polizei abgeführt, schön vereint. Unglaublich, welchen Stuss Sie da verbreiten. Freundliche Grüsse»
Absender weggelassen.

Keine objektiv falsche Fakten

Die Antwort ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zunächst einmal fehlt jeder Hinweis darauf, ob der Leserbrief publiziert wird oder nicht (In aller Regel wird bei Leserbriefen aus Zeitgründen sowieso keine Korrespondenz geführt). Stattdessen teilt der Redaktor der Aargauer Zeitung dem Toggenburger mit, er liege inhaltlich falsch. Das gehört kaum zur Aufgabe eines Leserbriefredaktors, der genau wie seine Kollegen neutral bleiben müsste. Zumal keine Fakten aufgeführt werden, die man als objektiv falsch deklarieren könnte. Es ist eine reine Meinungsabgabe.

Subjektive Wahrnehmung des Redaktors

Zudem findet sich eine nicht überprüfbare Behauptung in der Antwort. Nach den nicht bewilligten Kundgebungen in verschiedenen Städten gab es immer zwei Sorten von Kritik: Diejenige, die sich über zu viel Härte der Polizei beklagt wie beispielsweise in Altdorf und die, bei der in der Tat gefordert wird, die Polizei solle härter durchgreifen. Dass letztere Gruppe die «grosse Mehrheit» bildet, ist nicht nachgewiesen und auch nicht nachweisbar. Es entspricht wohl einfach der subjektiven Wahrnehmung des Redaktors.

Hilflose Formulierung

Auch ein Begriff wie «Glauben an Nicht-Corona» ist speziell. Nicht nur, weil es für jemanden, der vom Schreiben lebt, erstaunlich hilflos formuliert ist. Was soll «Nicht-Corona» sein? Falls damit Leute gemeint sind, die nicht an das Virus glauben: Davon gibt es sehr wenige, und sie dürften an den Kundgebungen Einzelfälle sein. Die Kritik dort richtet sich stets gegen die Massnahmen. Corona als Krankheit als solches wird kaum abgestritten.

Offene Beschimpfung

Am Schluss driftet das Ganze ab mit dem Satz: «Unglaublich, welchen Stuss Sie da verbreiten.» Das ist Publikums–beziehungsweise Leserbeschimpfung vom Feinsten. Abgesehen davon, dass ein Leserbriefredaktor eine Zuschrift nicht zu bewerten hat, wäre das, wenn man es schon tut, wohl eleganter gegangen. Beispielsweise mit einem «Ich teile Ihre Ansicht nicht.»

Konrad Rüegg hat inzwischen reagiert und dem zuständigen Redaktor geantwortet – nun in ebenfalls nicht mehr ganz freundlichem Tonfall, wie man ihm nicht verdenken kann.

Zusammenfassung

Ein Leser richtet eine Zuschrift an «seine» Zeitung, in der er seiner Meinung Ausdruck verleiht. Und wird dafür umgehend mit dem Vorwurf eingedeckt, er verbreite «Stuss». Eine gewöhnungsbedürftige Art, mit Lesern umzugehen, selbst wenn man persönlich nicht mit dem Inhalt des Leserbriefs einhergeht.

Quer durchs Land berichten immer mehr Leute, wie schwierig es ist, massnahmenkritische Leserbriefe in Zeitungen unterzubringen. Parallel dazu werden in den sozialen Medien auf den Kanälen der Verlage oder auch bei SRF oft Kommentare gelöscht, die sich kritisch mit der Regierung auseinandersetzen. Was zeigt, dass Meinungsvielfalt, die Zeitungen angeblich hoch halten, nur so lange in Ordnung ist, wenn die eigene Meinung transportiert wird.

Stefan Milius/Toggenburg24