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06.07.2021
06.07.2021 14:19 Uhr

Lütisburg und Wattwil gehören auch zur Geschichte

Ankündigung der Bürgerversammlung 1888.
Ankündigung der Bürgerversammlung 1888. Bild: Psychiatrie Wil
Die Geschichte der Psychiatrie St.Gallen Nord beginnt im Jahr 1884, acht Jahre vor der Eröffnung des Asyls Wyl. Darunter sind Meilensteine, Wendepunkte und Persönlichkeiten, die die Geschichte mitprägten.

1884 wird aus Platznot die Gründung einer weiteren Einrichtung zur Unterbringung und Verpflegung von körperlich und geistig kranken Menschen beschlossen. Die «Irrenanstalt» St. Pirminsberg, Pfäfers ist überfordert.

Wil sollte der neue Standort werden, weil er in der Nähe der Hauptstadt St. Gallen liegt. Das Wyler Eggfeld wird den 38 Besitzern abgekauft.

1892 wird die Bevölkerung informiert

Am 15. Juni 1892 informiert die Lokalpresse die Bevölkerung über die Eröffnung des «Asyles Wyl» und wirbt um «Pfleglinge».

Postkarte 1907 vom Kantonalen Asyl Wil. Bild: Psychiatrie Wil

Das Direktionsgebäude mit Versammlungsraum und Kapelle, 300 Betten in vier nach Geschlecht getrennten Häusern, ein Hauswirtschaftsgebäude, das Abdankungshaus sowie der Gutsbetrieb mit Acker- und Weideland für die vorgesehene Selbstversorgung stehen für die Inbetriebnahme des «Asyles Wyl» am 28. Juni 1892 bereit. Die Gebäude sind von einem zwei Meter hohen Zaun aus Eisenstangen umgeben.

Der erste Direktor wird der dazumal 28-jährige Dr. med. Heinrich Schiller. Er war zuvor Assistenzarzt in St. Pirminsberg. Er wohnte in der Dienstwohung im Direktionsgebäude. Sein Amt führte er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1935, somit 43 Jahre lang.

Erster Direktor: Heinrich Schiller, zuvor Assistenzarzt von St. Pirminsberg. Bild: Psychiatrie Wil

1892 zogen die ersten Bewohner ein

Unter für uns heute unvorstellbaren Bedingungen werden im Juli 1892 60 Frauen und 60 Männer vom «Irrenhaus» St. Priminsberg Pfäfers ins Asyl Wyl umgesiedelt. Nach mehr als sechs Stunden waren die Frauen und Männer endlich am Zielort.

Ein Haus im Bau. Bild: Psychiatrie Wil

1897 steigt der Bettenbedarf und auch die Unterbringung gewalttätiger oder ausbruchsgefährdetet forensischer «Geisteskranker» bereitet Sorgen. Dr. Heinrich Schiller schaut sich im In- und Ausland um und entscheidet sich für das Pavillonsystem.

1917 Kauf der Alp Bargenegg

Dr. Heinrich Schiller lernte bereits in St. Pirminsberg die Arbeitstherapie kennen und führte sie bei seinem Amtsantritt in Wil ein. «Die handwerkliche und landwirtschaftliche Beschäftigung ist wie kein anderes Mittel geeignet, die Kranken vor Unzufriedenheit und dem vollständigen geistigen Verfall zu bewahren». Mit dem Kauf der Alp Barenegg geht sein Wunsch in Erfüllung, Patient*innen, die geeignet sind, zu beschäftigen. Auch entsteht ein «Personalgesangsverein Asyl Wil».

Mit dem Kauf der Alp Barenegg als Ergänzung zum Gutsbetrieb durch den Kanton St. Gallen geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Bild: Psychiatrie Wil
  • Die spanische Grippe 1918 sucht auch das Asyl Wyl heim.
  • 1919 Gründung des «Personalgesangsvereins Asyl Wil».
  • 1926 Gründung eines Kinderhauses für geistig behinderte Kinder. Betreut werden sie von Ingenbohler Ordensfrauen. 1968 wird es wieder geschlossen.
  • 1931 wird die Familienpflege eingeführt. Engagierte Pflegerinnen gründen Aussenstationen, unter anderem auch in Lütisburg.
  • 1937 werden Alkoholabhängige in der Pension «Mühlhof» behandelt.
  • 1935 wird Dr. med. Eduard Naef neuer Direktor des Asyls Wil. Er bleibt bis 1951.
  • 1937 kommt ein weiterer Neubau dazu.
Erster Adventsbazar 1952. Bild: Psychiatrie Wil
  • Die Kriegsjahre von 1939 bis 1945 hinterlassen Spuren im Asyl.
  • 1942 feiert das Asyl sein 50-jähriges Jubiläum, mitten im Krieg, deshalb wird es im kleinen Rahmen begangen.
  • 1945 entsteht die Wohngenossenschaft Bergholz, um die Wohnsituation der Angestellten zu verbessern. 1960 kommt noch die Wohnbaugenossenschaft Letten dazu.
  • 1951 wir Dr. med. Fred Singeisen neuer ärztlicher Direktor und bleibt bis 1974.
  • Auch bekommt das Asyl einen neuen Namen, nämlich Heil– und Pflegeanstalt.
  • 1953 kommt ein neues Medikament, ein Neuroleptikum, auf den Markt, das erlaubt, an Schizophrenie erkrankte Patient*innen mit zu behandeln. Die stationäre Behandlung von Schizophrenie-Erkrankten nimmt ab.
Endlich fallen die Gitter, die letzten 1971. Bild: Psychiatrie Wil
  • 1955 brennt die Scheune. Die Brandursache wird nie geklärt. Im gleichen Jahr wird die Situtation der Krankenschwestern verbessert.
  • 1957 ist die Rede einer verseuchten Abteilung infolge der Asiatischen Grippe.
  • Ab 1961 fallen die Gitter, die letzten 1971.
  • 1967 wird aus der Heil- und Pflegeanstalt die Kantonale Psychiatrische Klinik Wil.
  • 1968 wird das Mehrzweckgebäude und die Krankenpflegeschule eröffnet.
  • 1971 wird der Sozialpsychiatrische Dienst eingeführt. Bis 1990 entstehen Sozialpsychiatrische Beratungsstellen in verschiedenen Gemeinden, unter anderem auch in Wattwil.
  • 1974 wird die Klinik aufgeteilt in A und B mit den Chefärzten Dr. med. Helmut Kunz und Prof. Dr. Walter Pöldinger.
  • 1975 können die Angestellten ihre Kinder in den Kinderhort geben.
  • 1980 entsteht ein neues Aufnahmegebäude.
  • 1981 Eröffnung der Drogenberatungsstelle.
  • 1983 werden die Gutsbetriebe saniert.
  • Von 1985 bis 1996 ist Dr. med. Rudolf Osterwalder Chefarzt.
  • 1986 bis 1988 entsteht eine Minigolfanlage und später ein Allwetter-Sportplatz.
  • 1987 bietet der Kulturpavillon die ideale Kulisse für öffentliche Kunstausstellungen und andere kulturelle Anlässe.
  • 1992 wird die Klinik 100-jährig.
  • Von 1996 bis 2010 arbeitet Dr. med. Hanspeter Wengle als Chefarzt.
Dem Zeitgeist entsprechend können die Kinder der Angestellten im Kinderhort untergebracht werden. Bild: Psychiatrie Wil
  • 1998 beginnt die Beratung von Angehörigen psychisch kranker Menschen.
  • 1999 entsteht das Pflegeheim Eggfeld.
  • 2002 eröffnet die Tagesklinik Wil ihre Türen.
  • 2006 zieht das Ambulatorium Wil auf das Areal der Klinik. Klinik, Tagesklinik und Ambulatorium sind somit alle auf dem gleichen Klinikareal.
  • 2010 Alteliers–Living Museum Wil.

Ein paar Fragen an den Chefarzt PD Dr. Thomas Maier von der Psychiatrie St. Gallen Nord:

Gibt es eine geschichtliche Studie der Psychiatrie St. Gallen Nord?

Es gibt meines Wissens bisher keine spezifische eigene Studie zur Geschichte der Psychiatrie im Kanton St. Gallen, bzw. noch spezifischer im Toggenburg. Das Staatsarchiv des Kantons St. Gallen hat aber sehr gute und umfangreiche (eigentlich umfassende) Aktenbestände, die das alles beschreiben. Im Wesentlichen geht es ja hier um die Geschichte der Kliniken Pfäfers und Wil. Aus dem Toggenburg wurden psychisch Kranke in der Regel in die Klinik Wil (früher «Asyl Wil») gebracht. Insofern ist eine «Geschichte der Psychiatrie im Toggenburg» zum grossen Teil ein Kapitel in der Geschichte der Klinik Wil. Zur Klinik Wil gibt es im Staatsarchiv z.B. die vollständigen Jahresberichte seit 1892, worin sich alle Angaben zur Klinik finden.

Wo wurden psychisch kranke Menschen im 20. Jahrhundert stationär behandelt?

Eben z.B. in einer Psychiatrischen Klinik. Die Psychiatrie St.Gallen Nord führt neben der Klinik in Wil (308 Betten) auch die Station Krisenintervention in St. Gallen (umfasst 20 Betten). Ausserdem verfügen wir über Ambulatorien und Tageskliniken in Wil, St. Gallen, Wattwil und Rorschach.

PD Dr. med. Thomas Maier, Chefarzt Erwachsenenpsychiatrie in Wil, St.Gallen, Wattwil und Rorschach. Bild: Psychiatrie Wil

Was hat man für Erfahrungen aus dem 20. Jahrhundert mitgenommen?

Da verweise ich auf allgemeine Literatur zum Thema Geschichte der Psychiatrie in Europa, in der Schweiz und im Kanton St. Gallen. Dazu gibt es ganze Bibliotheken und das kann man nicht in drei, vier Sätzen zusammenfassen.

Hat sich das Behandlungskonzept verändert?

Die Behandlungen haben sich in den letzten Jahrzehnten und Jahren grundlegend geändert. Heute stehen die Autonomie und der Behandlungswunsch des Patienten im Zentrum, Behandlungen beziehen wenn immer möglich auch das Umfeld, Arbeitgeber, Familie mit ein. Hauptinstrument der Behandlung ist die Psychotherapie in allen ihren Formen.

Das Toggenburg ist weniger gut bestückt mit psychiatrischen Kliniken als andere Orte in der Schweiz, oder doch nicht?

Die Psychiatrie ist kantonal organisiert. Der Kanton St.Gallen hat zwei grosse Kliniken für Erwachsene (es gibt daneben noch die Klinik für Kinder und Jugendliche in Ganterschwil/Toggenburg), eine in Pfäfers, eine in Wil. So gesehen hat nicht jeder Bezirk oder jede Region im Kanton St.Gallen eine psychiatrische Klinik, das braucht’s auch nicht. Der ganze Kanton Aargau hat z.B. nur eine einzige Klinik, Glarus, Schwyz, Uri und Innerrhoden gar keine. Auch das ganze Land Liechtenstein hat keine eigene psychiatrische Klinik, denn man kann ja in Kliniken der Nachbarschaft gehen. Da man in der Schweiz die freie Spitalwahl hat, kann ohnehin jeder Toggenburger, wenn er/sie will auch z.B. nach Herisau, Littenheid, Winterthur, Oetwil, Kilchberg oder Chur in eine Klinik gehen.

Wo werden Menschen behandelt, die es zuhause nicht mehr aushalten?

Eben z.B. in einer Psychiatrischen Klinik. Die Psychiatrie St. Gallen Nord führt neben der Klinik in Wil (308 Betten) auch die Station Krisenintervention in St. Gallen (umfasst 20 Betten). Ausserdem verfügen wir über Ambulatorien und Tageskliniken in Wil, St. Gallen, Wattwil und Rorschach.

Gibt es Alternativen, die man stationären Behandlung vorzieht?

Ja. Die ambulante, tagesklinische oder allenfalls aufsuchende Behandlung.

 

Genauere Informationen finden Sie auf der Website hier.

Toggenburg24/Chefarzt PD Dr. Thomas Maier von der Psychiatrie St. Gallen Nord