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Region
30.04.2021
30.04.2021 10:47 Uhr

«Begegnungen mit Menschen sind immer wieder berührend»

Anselm und Katharina Leser-Salvisberg arbeiten seit zehn Jahren in der evangelischen Kirchgemeinde Unteres Toggenburg.
Anselm und Katharina Leser-Salvisberg arbeiten seit zehn Jahren in der evangelischen Kirchgemeinde Unteres Toggenburg. Bild: Katharina Meier
Seit zehn Jahren ist das Pfarrehepaar Katharina und Anselm Leser-Salvisberg in der evang. -reformierten Kirchgemeinde Unteres Toggenburg tätig. Die Region ist zur Heimat geworden.

Dem Pfarrehepaar Katharina und Anselm Leser-Salvisberg ist die Region nicht nur zur neuen Heimat geworden, sondern auch die Menschen sind ihnen ans Herz gewachsen.

Sie teilen das Pfarramt je zur Hälfte?

Anselm Leser: Ja, für uns ist dies ein ideales Modell. Heute haben sich die Abläufe eingespielt. Am Anfang hingegen mussten wir herausfinden, wer welche Schwerpunkte hat.

Katharina Leser: Wir haben ja schon in Burg, Stein am Rhein, dieses Modell praktiziert. Es hat sich bewährt. Doch es zeigte auch Stolpersteine, wie beispielsweise beim Religionsunterricht. Heute wissen wir, dass Anselm ein guter Zugang hat zu den Oberstufenschülern, ich hingegen fühl mich wohl mit kleineren Kindern, beim «Fiire mit de Chliine», Schülerinnen bis zur 4. Klasse.

Sind Sie als Pfarrehepaar nur im Doppel zu haben?

(Beide schmunzeln)

Anselm Leser: Nein, es gibt uns nicht permanent im Doppel. Jeder braucht seine Freiheiten. Aber wir beobachten, dass je älter wir werden, desto mehr gestalten wir zusammen. Wenn wir hingegen gemeinsam einen Gottesdienst haben, trägt immer jemand von uns die Verantwortung.

Katharina Leser: Manchmal wird Anselm für eine Beerdigung gewünscht, weil er den Verstorbenen gut kannte, manchmal ich, oder wir halten die Abdankung gemeinsam. 

Was zeichnet Euer Beruf aus, was ist das Schöne an ihm?

Katharina Leser: Die Begegnungen mit den Menschen sind immer wieder von neuem berührend. Es ist schön, Vertrauen zu spüren, zusammen auf dem Glaubensweg unterwegs zu sein, im Zweifel und der Hoffnung. Freude bereitet auch die Arbeit mit der Bibel. Sie hat uns viel zu sagen. Diesen Inhalt ins Leben zu holen, ist eine schöne, aber auch herausfordernde Arbeit.

Anselm Leser: Meine Antwort deckt sich mit jener von Katharina. Wir sind fragend und suchend unterwegs, können uns mit philosophischen Lebensfragen auseinandersetzen. Dass wir dies miteinander tun dürfen, ist ein Privileg, ebenso, dass wir uns auch berufeshalber auf der geisteswissenschaftlichen Ebene bewegen können und Zeit haben für Grundfragen, die die Menschheit seit 3000 Jahren bewegen.

Hat sich seit der Wahl das Gemeindeleben geändert?

Anselm Leser: Ja, man erreicht gewisse Menschen nicht mehr. Viele Abdankungen wollen nicht mehr gefeiert werden. Die Pandemie hat dies leider verstärkt, obwohl ein Abschied für Angehörige aber auch für Bekannte meiner Ansicht nach sehr wichtig ist.

Katharina Leser: Bedeutungsvoll ist sicher auch der Zusammenschluss der Kirchgemeinden, der gewollt und kein notwendiges Übel ist, aber auch seine Zeit braucht. Diese Veränderung wollen wir mitgestalten, so gut wir können und überzeugt Pfarrerin und Pfarrer der Kirchgemeinde Unteres Toggenburg sein.

Sie wurden vor zehn Jahren nach Bütschwil gewählt, Ihnen ist und war diese Kirche zugeteilt. Gefällt sie Ihnen?

Katharina Leser: Bevor wir uns beworben haben, schauten wir uns die Kirche an. Sie gefiel mir auf Anhieb, es ist «meine» Kirche. Als wir noch im Pfarrhaus nebenan wohnten, freute ich mich täglich an der Rosette. Wir fühlen uns aber auch in der Ganterschwiler und Lütisburger Kirche wohl.

Anselm Leser: Für mich strahlt die Bütschwiler Kirche Geborgenheit aus. Sie ist wie ein Schiff, eine Arche. Die Orgel ist schlicht. Wir brauchen keinen Schnickschnack, wir haben es gern bescheiden. Die Kirche ist für mich ein Ort zum Wohlfühlen.

Stichwort Pfarrhaus. Seit zweieinhalb Jahren leben Sie in Mosnang. Gehört der Pfarrer, die Pfarrerin nicht ins Pfarrhaus?

Anselm Leser: Wir haben das Dogma, der Pfarrer gehöre ins Pfarrhaus, mit unserem Umzug durchbrochen, dem ist so. Andererseits ist es auch ein Signal, dass, wenn alles gut geht, wir gerne bis zur Pension hier in unserer Kirchgemeinde – zu der auch Mosnang zählt – bleiben.

Katharina Leser: Die Vorstellung, aus dem Pfarrhaus wegzugehen, hat mich zuerst betrübt, und als wir weg waren, hatten einige Mühe damit.

Anselm Leser: Für viele hat es etwas Beruhigendes, wenn man weiss, dass jemand im Pfarrhaus ist, der jederzeit kontaktiert werden kann. Aber die Kontakte via Tür sind äusserst spärlich geworden.

Katharina Leser: Als neuer «Türöffner» entpuppt sich indes der Hund. Bei Spaziergängen oder einem Schwatz auf dem Trottoir entstehen so wertvolle «Kurzseelsorge-Kontakte». Im übrigen sind wir ja jederzeit via Telefon erreichbar.

Gibt es gewisse Ziele, die ihr noch anstrebt?

Katharina Leser: Ob es ein Ziel ist oder eher ein Traum? Ich würde gerne eine Gruppe «weltweite Kirche» aufbauen, allenfalls mit einer Partnergemeinde im Ausland. Und das Schönste wäre, dass diese Gruppierung dann zum «Selbstläufer» wird.

Anselm Leser: Mein geplanter Studienurlaub im 2020 wurde coronabedingt zur Standortbestimmung. Für mich stellt sich denn auch immer wieder die Frage: Was nährt uns, was sind wir als Menschen, was hat Gott in uns gelegt? Diese Innerlichkeit zu suchen und erfahrbar zu machen, diesen Weg möchte ich bewusster gehen. Ich bin kein Mystiker, aber das kirchgemeindliche Leben könnte durchaus etwas mystischer werden.

Gemeinsamer Weg ab Basel

Katharina und Anselm Leser haben in Basel Theologie studiert und sich dort kennengelernt. Katharina Leser kam über den zweiten Bildungsweg zur Theologie und ihrer Ordination 1997. Vorher hatte sie eine Handelsschule absolviert, arbeitete bei der CS Bank. Der 58-jährige Lörracher und die 59-jährige Gretzenbacherin traten in Burg, Stein am Rhein, ihre erste gemeinsame Pfarrstelle an, ehe sie ins Toggenburg wechselten. (meka)

Katharina Meier, Journalistin/Redakteurin br, Lütisburg Station/Toggenburg24