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Kolumne
29.08.2020
12.09.2020 16:26 Uhr

Aktienbörse: Rezessionszahlen erschrecken

Trotz des deutlichen BIP-Rückgangs im 2. Quartal hält Christopher Chandiramani ein Wiedererstarken der Wirtschaft ab 2021 für gut möglich.. Bild: linth24/Web/freie Nutzung
Bis zur Wochenmitte legten die Aktienkurse leicht zu. Schwache Zahlen aus der Wirtschaft haben im weiteren Verlauf eine Korrektur eingeleitet.

Zu Wochenbeginn konnten sich die Aktienmärkte gut halten dank positiver Vorlagen aus den USA mit Technologie- und Biotechnologiewerten an der Spitze. Der Index der US-Technologie (NASDAQ Composite) erreichte mit fast 11'700 Punkten sogar neue Allzeit-Höchstwerte.

Am Donnerstag und Freitag wurden jedoch die Investoren wieder an die Corona- und Wirtschaftskrise erinnert. Besonders die Schweiz mit ihren Indexschwergewichten war von der Korrektur betroffen. Die Indexmarke von 10'200 beim SMI brach nach unten durch.

Rezession schlägt voll durch

Gemäss Staatssekretariat (Seco) ging das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) im 2. Quartal gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres um 8.2 Prozent zurück. Das war der stärkste Rückgang seit Beginn der Aufzeichnung von Quartalszahlen vor 40 Jahren.

Betroffen sind alle Sektoren, am stärksten die Reisebranche, Gastronomie und Tourismus, sowie auch Kleingewerbe, mit Einbrüchen bis zu 80 Prozent oder höher wegen des Lockdowns.

Am wenigsten Rückschläge erlitt die Pharmaindustrie. Banken konnten ihre Erträge sogar teilweise steigern, dank mehr Börsentransaktionen und Corona-Kredit-Vergaben.

Was das Ausland betrifft, sind die Zahlen durchwegs noch schlechter, beispielsweise Spanien -18.5%, Frankreich -12.8%, Italien -12.4%, Deutschland -10.1%.

Die Medienberichterstattung über Covid-19 bleibt unverändert hoch. Die Fallzahlen in Europa und Amerika nehmen weiter zu (bei vermehrten Tests). Auch behördliche Massnahmen wurden ausgeweitet. Kantone wie BS, ZH, SO, FR, VS und GE kennen nun auch eine Maskenpflicht in Verkaufsläden.

Auf internationaler Ebene wurde bekannt, dass Japans Rekordministerpräsident Shinzo Abe aus gesundheitlichen Gründen zurücktritt. Das belastete auch den Aktienmarkt in Tokyo. In dieser Woche fand in den USA der Parteitag der Republikaner statt, ganz im üblichen Wahlkampfmodus. Anfangs November hofft der amtierende Präsident Donald Trump auf eine Wiederwahl.

Spezialsituationen

Der Westschweizer Devisenbroker Cie Financière Tradition steigerte den EBIT im Halbjahr deutlich und um fast die Hälfte auf über 50 Mio. Die Gesellschaft profitierte von den Währungsschwankungen.

Stadler Rail erhielt einen Auftrag der Stadt Jena (D) für 24 neue Trams und eine Option für 19 weitere Einheiten – total ein 100-Millionen-Auftrag.

Die Aktien des Milchverarbeiters Emmi waren nach starken Halbjahreszahlen (Umsatz +6.6%, 1.8 Mrd.) stark gefragt.

Auch Bachem-Aktien (Pharmazulieferer) setzten nach Halbjahreszahlen ihren steilen Höhenflug fort.

Credit Suisse macht sich in der Schweiz fit für die Zukunft. Die Bank setzt voll auf Digitalisierung. Jede vierte Filiale soll geschlossen werden, die Neue Aargauer Bank wird in die CS integriert.

Die nicht-kotierte Zürcher Kantonalbank ZKB (dritte «Grossbank» der Schweiz) profitiert hingegen von den gegenwärtigen Strukturveränderungen und weist für das erste Halbjahr 2020 einen um 28% höheren Konzerngewinn aus gegenüber dem Vorjahr.

Aussichten

Die Schäden durch das Corona-Virus und den Lockdown werden immer konkreter.

Die Schweiz ist offenbar gut davongekommen – sie hat speziell ein überdurchschnittlich gutes Gesundheitswesen und stabile Staatsfinanzen. Im Gegensatz zur Finanzkrise von 2008 waren die Banken diesmal nicht betroffen. Die Pharmaindustrie konnte einen weiteren Absturz in die Rezession verhindern.

Die Chancen einer Wiedererholung der Wirtschaft ab 2021 stehen gut. Allerdings sind die Strukturveränderungen noch nicht ausgestanden. Covid-Kredite und Kurzarbeit haben die Konkurse lediglich hinausgezögert. In den kommenden Monaten sind weitere Entlassungen möglich. Währungsreformen sind auch nicht vom Tisch.

Christopher Chandiramani, Börsenanalyst und freier Mitarbeiter Linth24/Toggenburg24