Home Gemeinden In-/Ausland Sport Magazin Agenda
Promo
Gemeinden
12.05.2021
13.05.2021 09:54 Uhr

Bedeutung der Abstimmung für das Toggenburg

Bei einem JA zu den beiden Initiative würde die Lebensmittelproduktion um 25% zurückgehen.
Bei einem JA zu den beiden Initiative würde die Lebensmittelproduktion um 25% zurückgehen. Bild: Andreas Widmer, St. Galler Bauernverband
Für die Toggenburger Landwirtschaft ist der Pestizideinsatz unbedeutend, denn der grosse Teil der Gründlandbetriebe mit Rindviehhaltung braucht keine Pestizide. Unproblematisch ist die Forderung zum Antibiotikaeinsatz.

Andreas Widmer vom St. Galler Bauernverband erklärt uns, was die Agrarabstimmung für das Toggenburg bedeuten würde.

Der Pestizideinsatz in der Toggenburger Landwirtschaft ist unbedeutend. Spezialkulturen wie Beeren, Ackerkulturen oder Obstbäume benötigen nebst den natürlichen Schutzmassnahmen einen dosierten Einsatz von Pestiziden. Der grosse Teil der Grünlandbetriebe mit Rindviehhaltung braucht keine Pestizide oder nur situativ für Unkräuter und Neophyten. Unproblematisch ist die Forderung der Initiative  zum Antibiotikaeinsatz. Der prophylaktische Einsatz ist seit 20 Jahren verboten. Jeglicher Einsatz bei kranken Tieren muss durch den Tierarzt bewilligt und auch in einer Datenbank dokumentiert werden. Hingegen hätte das Verbot für den Zukauf von Futter massivste Auswirkungen. Wird die Initiative 1:1 umgesetzt, könnte der Tierhalter für seine Tiere weder Salz, Mineralstoff noch Kraftfutter zukaufen. Bei langen Wintern oder Trockenzeiten wie beispielsweise 2018 dürfte er kein Heu oder Silage für das Rindvieh beschaffen. Schlachtungen von Teilen der Tierbestände wären in diesen Fällen die Folge. Schweine- und Geflügelhalter müssten die Haltung aufgeben. Das Futter für die Tiere kann nicht auf dem eigenen Betrieb produziert werden. Der Landwirt hat die Alternative. Kann er die Auflagen nicht einhalten, so muss er in diesem Fall aber auf die Direktzahlungen verzichten. Das ist aber für 95% der Bauern im Toggenburg keine Option.

Arbeitsplätze betroffen

Bei einer Annahme der Pestizide wären insbesondere die lebensmittelverarbeitenden Betriebe im Toggenburg betroffen. Bäcker, Metzger und Käsereien – sie dürften nur noch Rohstoffe aus biologischer Produktion verarbeiten. Treffen würde es aber die grossen Firmen in Bazenheid wie die Micarna, die Firma Suttero, die Kägi in Lichtensteig oder die Morga in Ebnat-Kappel. Alle Rohstoffe – ob aus Inlandproduktion oder Import – müssten biologischer Herkunft sein. In der Verarbeitung dürfen die Firmen keine Biozide mit chemisch-synthetischer Herstellung verwenden. Die Restrektionen hätten Auswirkungen auf den Umsatz, die Ertragskraft der Unternehmen und schlussendlich auf die Arbeitsplätze.

Wirtschaftsleistung sinkt

Die restriktiven Agrarinitiativen hätten Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Toggenburg und die Wertschöpfung. Es ist davon auszugehen, dass die Produktion von Nahrungsmitteln um 25% zurückgeht, die Wirtschaftsleistung in der Landwirtschaft, in den vor- und nachgelagerten Betrieben und im Lebensmittelgewerbe und der Industrie um 50 – 70 Millionen Franken sinkt. Das Toggenburg wird bei einer Annahme der Initiativen wie andere ländliche Regionen zu den Verlierern gehören.

Die Qualität der Fliessgewässer im Toggenburg

Das Amt für Wasser und Energie St. Gallen (AWE) berichtete am Freitag 9. April 2021: Die Flüsse Necker und Thur (Toggenburg) weisen auf chemische und biologische Untersuchungen erfreulicherweise über Jahre hinweg bereits gute Verhältnisse bei der Wasserqualität auf.Weniger gut schneidet die Thur auf organische Spurenstoffe ab durch den Eintrag aus Kläranlagen. Das Schmerzmittel Diclofenac und das perfluorierte Tensid PFOS (beides nichtlandwirtschaftliche Herkunft!) überschritten die chronischen Qualitätskriterien mehrfach im Jahr. Dennoch: Die beiden Bioindikatoren Kieselalgen und wirbellose Wassertiere zeigen über den ganzen Thur- und Neckerverlauf im Kanton gute bis sehr gute Verhältnisse an, weshalb der Thur und Necker grundsätzlich eine gute Wasserqualität attestiert wird.

Hand unter Wasserstrahl. Bild: Titelbild TWI

Trinkwasserintiative

Die Trinkwasserinitiative stellt die heutige Schweizer Landwirtschaft und Tierhaltung grundlegend in Frage. Sie geht weit über das Thema Trinkwasser und Pflanzenschutzmittel hinaus. Da sich die Initiative auf die Ergänzung von Art. 104 der Bundesverfassung konzentriert, fokussiert sie einzig auf die Landwirtschaft. Konkret sollen nur noch Landwirte Direktzahlungen erhalten, welche auf ihrem Betrieb keine Pestizide einsetzen, die landwirtschaftlichen Nutztiere ausschliesslich mit betriebseigenem Futter ernähren und Antibiotika nicht prophylaktisch einsetzen. Wenn der Landwirt eine der drei Grundforderungen nicht einhalten kann, werden ihm die Direktzahlungen gestrichen.

Biobauern betroffen

Von der Initiative sind auch die Biobauern betroffen. Dies weil das Verbot für die natürlichen Pestizide wie Schwefel und Kupfer oder für die biologischen Reinigungs- und Desinfektionsmittel ebenfalls gilt. Weil die Initiative die Forderungen an die Direktzahlungen der Bauern koppelt, sind andere Player, die auch Pflanzenschutzmittel und Biozide einsetzen – wie private Gartenbesitzer, Bauunternehmen, öffentliche Hand oder SBB – von der Initiative nicht betroffen.

Pestizidinitiative

Die Pestizid-Initiative fordert eine Ergänzung von Art. 74 der Bundesverfassung. Das ist der Grundsatzartikel zum Umweltschutz. Die Initiative will den Einsatz von chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel auf einer breiten Front verbieten. Das Verbot gilt für die Landwirtschaft, für die Verarbeitung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, für die Veredelung von Lebensmitteln und für die Boden- und Landschaftspflege.

Verboten wird somit die Einfuhr von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt worden sind. Damit ist die Initiative konsequent und fokussiert nicht nur auf die Inlandproduktion. Die ganze Lebensmittelkette ist somit betroffen. Das Verbot für den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln gilt aber nicht für den Einsatz im Bau (Flachdächer, Holzschutz) oder bei Privatgärten.

Kontakt

St. Galler Bauernverband
Magdenauerstrasse 2
9230 Flawil
www.bauern-sg.ch

Andreas Widmer, St. Galler Bauernverband/Toggenburg24